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Bistum Trier will alle Kirchengemeinden auflösen und 35 neue schaffen:

Das Ende der alten Pfarreien naht

Rhein-Zeitung vom 31.08.2018

Die Pfarrei St. Severus Boppard: wird aufgelöst. Die Pfarrei Maria Himmelfahrt Waldbreitbach: gibt es nicht mehr. Die Pfarrei St. Medard Bendorf: Vergangenheit. Die Pfarrei St. Erasmus Rheinböllen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, denn im Jahr 2020 wird nach dem Willen des Bistums Trier keine einzige der teils historischen Pfarreien mehr existieren. Sie alle sollen aufgelöst werden. Stattdessen werden 35 komplett neue Großpfarreien geschaffen.
Dunkle Wolken über dem Trierer Dom: Gegen die Bistumsreform läuft die katholische Basis inzwischen vielerorts Sturm. Für den 20. Oktober hat die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ zu einer Protestkundgebung am Bischofssitz eingeladen.
Diese Situation ist völlig anders, als wenn Kirchengemeinden zu einem Verbund zusammengefasst werden – die Pfarreien bleiben dann bestehen, sie arbeiten nur enger zusammen und teilen sich Pfarrer oder Räte. Nun geht es aber um die Auflösung aller 887 Pfarreien, die derzeit in 172 Pfarreiengemeinschaften organisiert sind. Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ läuft inzwischen dagegen Sturm und hat zu einer Protestkundgebung nach Trier eingeladen: Am Samstag, 20. Oktober, soll um 11.55 Uhr – also buchstäblich kurz vor zwölf – vor dem Trierer Dom protestiert werden. Die Organisatoren hoffen darauf, dass die Teilnehmerzahl vierstellig wird. „Wir hatten bereits mehrere Gespräche mit der Arbeitsgruppe Vermögen, am letzten Gespräch hat auch Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg teilgenommen“, berichtet Initiativesprecher Helmut Baltes. „Aber alle Gespräche sind erfolglos verlaufen. Von der Auflösung der Pfarreien rückt man nicht ab, und deshalb wollen wir jetzt lauter werden und unseren Unmut äußern.“
Als das Bistum mit dem Abschluss seiner Synode erstmals die neuen Strukturpläne offenlegte, drehten sich die ersten Fragen der Gläubigen um die Priester. Inzwischen ist an dieser Front weitgehend Ruhe eingekehrt, denn das Bistum hat wiederholt erläutert, dass es auch bei nur noch 35 Pfarreien weiterhin Priester geben wird und dass auch in den diversen Kirchen weiterhin nach Möglichkeit Gottesdienste stattfinden sollen.
Das Auflösen der Pfarreien schreckte anfangs weniger Katholiken auf – nur einige Weitsichtige warnten damals schon davor, was dies alles bedeutet. Zum Beispiel, dass auch das komplette Vermögen der bestehenden Pfarreien auf die neuen Großpfarreien übergehen wird. Die Arbeitsgruppe Vermögen habe skizziert, dass es in der künftigen Großpfarrei einen Verwaltungsrat geben soll, erklärt Baltes. In den ehemaligen Kleinpfarreien sollen Gruppen aufgebaut werden, die vom zentralen Verwaltungsrat einen Etat bekommen sollen, den sie dann für aktuelle Probleme am Ort ausgeben können. „Damit sind wir ganz und gar nicht einverstanden“, betont Protestler Baltes. „Die Gruppen wären ja dann auf das Wohlwollen des Verwaltungsrats angewiesen. Das geht nicht.“
Klaus-Peter Baltes (nicht verwandt oder verschwägert mit Helmut Baltes) ist Vorsitzender des Pfarrverwaltungsrats St. Stephanus Gönnersdorf im Landkreis Ahrweiler. Er engagiert sich inzwischen ebenfalls in der Protestinitiative und wundert sich, dass vor allem die Christen in der Eifel und im Saarland den Protest tragen. „Die Katholiken entlang des Rheins sind bislang erstaunlich still“, sagt er. Zufrieden mit den Plänen des Bistums seien viele dennoch nicht, betont er. Er habe bei den Informationsveranstaltungen des Bistums in Ochtendung und Andernach viele Kritiker erlebt. „Viele Menschen sprechen mich an, erzählen mir ihre Ängste und dass auch sie nicht wollen, dass die Pfarreien aufgelöst werden.“ Warum diese sich nicht der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ anschließen, kann er nicht sagen. „Diejenigen, die diese Reform umsetzen, sind reine Theoretiker“, beklagt Klaus-Peter Baltes. „Sie können sich nicht vorstellen, dass die Katholiken sich in der neuen Struktur nicht zurechtfinden könnten.“
Bischof Stephan Ackermann hat indessen bei einer weiteren Informationsveranstaltung im saarländischen Otzenhausen versucht, die aufgebrachten Gemüter zu beruhigen. Die Kirche solle im Dorf bleiben, betonte Ackermann und warb gleichzeitig für eine völlige Erneuerung des kirchlichen Lebens – sowohl in den Ballungsräumen als auch in den ländlichen Gebieten des Bistums. Das Ziel der Reform sei es, die Hauptamtlichen in der Kirche von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, um besser den Glauben vermitteln zu können.

Doch ob das Auflösen der Pfarreien der richtige Weg ist? Der Streit um die Antwort dieser Frage geht in die nächste Runde.

Infos zur Kundgebung: www.kirchengemeinde-vor-ort.de; Infos zur Reform: www.bistum-trier.de/heraus-gerufen/

Woran arbeitet das Bistum derzeit?
Viele Arbeitsgruppen – genannt Teilprozessgruppen – sind derzeit dabei, das Bistum neu aufzustellen. Im Newsletter des Bistums heißt es: „Die Arbeit der Teilprozessgruppe Raumgliederung war ein erster Schritt, sie hat die Beschreibung der Territorien der künftigen Pfarreien abgeschlossen. Der Bischof hat die Vorlage der Raumgliederung für das formale Anhörungsverfahren freigegeben. Es sind 35 Pfarreien der Zukunft vorgesehen. Die Folgen der geplanten Gründung der Pfarreien der Zukunft hat eine Arbeitsgruppe sondiert und eine Lösung vorgeschlagen: Nach Abstimmung in der Leitungskonferenz unter vorheriger Rücksprache mit den Dechanten des Bistums soll für jede Pfarrei der Zukunft nur eine Kirchengemeinde der Zukunft errichtet werden. Damit würden die bisherigen Kirchengemeinden und Kirchengemeindeverbände aufgelöst werden.“
In weiteren Gruppen wird zum Beispiel das neue Rahmenleitbild entworfen, andere beschäftigen sich mit den Fragen der Aufbauorganisation und des Leitungsteams: Wie soll die künftige Großpfarrei geleitet werden? Welche Rolle spielt der Pfarrer im Leitungsteam? Die Gruppe Verwaltungsprozesse klärt die Frage, welche Dienstleistungen es nur noch zentral an einem Ort in der Großpfarrei geben wird und welche auch noch in der Fläche angeboten werden. Die Gruppe Synodales Prinzip und Synodale Gremien arbeitet daran, wie sich Christen an den anstehenden Entscheidungsprozessen künftig beteiligen können.

Interview mit Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg: „Struktur und Verwaltung müssen verschlankt werden“

Die Vorstellung, dass die eigene Pfarrei aufgelöst wird, treibt zahlreiche Katholiken auf die Palme. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt Generalvikar Ulrich Graf von Plettenberg, dass die Kirche dennoch nah bei den Leuten bleiben wolle.
Die Proteste konzentrieren sich inzwischen weniger auf pastorale Fragen – also Fragen nach dem Pfarrer und der zukünftigen Art der Seelsorge –, sondern auf das Auflösen der bestehenden Pfarreien als Rechtsträger und damit auch die Frage, wer das Vermögen verantwortet. Ist es eine Option, diesen Punkt vorerst aus der Reform herauszunehmen, erst einmal mit dem kirchlichen Leben zu starten und die Strukturfragen später anzugehen?
Es ist richtig, dass die Gespräche mit der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ sich kaum um pastorale Fragen drehen, sondern um die Frage, wie viel und wie schnell strukturelle und organisatorische Veränderungen in den Pfarreien der Zukunft nötig sind. Die Kirche im Bistum Trier, so hat es die Synode beschlossen, will sich grundlegend neu ausrichten und in allen kirchlichen Handlungen missionarisch und diakonisch in die Welt hineinwirken, sie will nah bei den Menschen sein und synodal arbeiten. Um unsere Kräfte dafür so weit wie möglich frei zu bekommen, müssen Struktur und Verwaltung vereinfacht und verschlankt werden. Grundsätzlich möchte ich festhalten: Geld und Grundbesitz und Eigentum der jetzigen Kirchengemeinden sind nicht für sich selbst da, sie stehen vielmehr im Dienst des kirchlichen Auftrags, für die Menschen da zu sein – in einer Haltung der Verantwortung und Solidarität. Aus diesem Grund gehören die organisatorischen und die pastoralen Neuerungen unbedingt zusammen.
Wenn man die alten Pfarreien erst einmal bestehen lassen würde, hätte das den Vorteil, dass sich die neuen Pfarreien der Zukunft erst beschnuppern und das „Leben“ testen könnten – bevor dann der juristische Akt folgt.
So haben wir es bisher gemacht, wenn eine Fusion von mehreren Pfarreien anstand. Diese Fusionen sind in der Regel auf Wunsch einzelner Pfarreien erfolgt und waren in ihrer Prozessgestaltung, gerade zeitlich, relativ frei. In der Synodenumsetzung geht es aber um mehr: Wir wollen eine grundlegende Neuorientierung und benötigen daher eine Neuordnung. Die Pfarrei soll dabei den organisatorischen Rahmen für ein vielfältiges Leben der Kirche im Ort bieten. Es geht bei den Veränderungen darum, die vielen bestehenden und lebendigen Initiativen, Gruppen, Einrichtungen, Gemeinschaften in ihren Möglichkeiten und ihrem christlichen Leben zu bestärken. Und wir laden ein, wie dies aktuell in der Erkundungsphase exemplarisch geschieht, aufzubrechen, Neues zu entdecken und zu wagen. Dazu braucht es nach meiner Überzeugung eine offenere und flexiblere Struktur, wie sie die Synode mit dem Perspektivwechsel „Weite pastorale Räume einrichten und netzwerkartige Kooperationsformen verankern“ beschlossen hat.
Noch einmal zum Verständnis: Meine Pfarrei St. Medard Bendorf existiert in Zukunft nicht mehr – ist das so korrekt? Es gibt dann nur noch schlicht eine Kirche St. Medard in Bendorf, die zur Großpfarrei Koblenz gehört.
Richtig ist, dass die bisherigen Pfarreien aufgehoben werden und sich neue Pfarreien der Zukunft gründen. Es wäre aber absolut falsch zu sagen, dass es dann „nur noch schlicht“ eine Kirche in einem Ort gibt. Schon heute und auch künftig gibt es kirchliches Leben an vielen Orten – ich denke in Bendorf etwa an die Kita St. Medard mit ihrem wunderbaren Bienenprojekt – mit Menschen, die ihren Glauben und ihr Kirche-Sein miteinander leben, begleitet von Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Denn entgegen der schon mehrfach verbreiteten falschen Aussage, es gebe dann nur noch einen Priester in der Pfarrei der Zukunft, wird es zusätzlich zu den jeweils leitenden Pfarrern in der Pfarrei der Zukunft viele Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und –referenten geben, die zusammen mit den Ehrenamtlichen Kirche gestalten – ob rund um einen Kirchturm, auf dem Sportplatz oder in einer Kita. Kirche ist mehr als ein Gebäude, als der Pastor und als die Sonntagsmesse. Vielmehr ist Kirche überall da, wo zwei oder drei sich in Jesu Namen versammeln und sich in den Dienst am Nächsten stellen.
Wie werden die 35 Pfarreien der Zukunft heißen: Wird man einen Schutzpatron suchen und die Pfarrei dann analog zu den heutigen Pfarreien benamen? Und werden dazu von Ihnen Vorschläge gesammelt, oder wird die Großpfarrei jeweils den Namen der Hauptkirche im Pfarrort haben?
Grundsätzlich kann man sagen, dass wir auf diözesaner Ebene nur das regeln wollen, was auch auf dieser Ebene geklärt werden muss. Das Verfahren zu diesen Fragen überlegen wir derzeit, gerade auch mit Blick auf die Beteiligungsmöglichkeiten.

Die Fragen stellte Michael Defrancesco

Wie sieht die Zukunft
 des Bistums Trier aus? – Generalvikar Ulrich von Plettenberg im Interview

Rhein - Zeitung 19.05.2018, 10:00 Uhr

Das Bistum Trier errichtet 35 Großpfarreien – noch nie hat es einen solchen Reformprozess in Deutschland gegeben. Generalvikar Ulrich von Plettenberg äußert sich im Interview.
35 Großpfarreien – das heißt: Es wird nur noch 35 Pfarrorte geben. Wann stehen diese definitiv fest?
Die 35 Pfarrorte werden endgültig erst nach dem formalen Anhörungsverfahren, also vermutlich Mitte des kommenden Jahres, feststehen. Wir sind dankbar über die vielen Rückmeldungen zu möglichen Pfarrorten, die uns die Gremien im Rahmen der Resonanzphase zugeschickt haben.
Nach welchen Kriterien wird entschieden, wo zukünftig Priester angesiedelt sein werden?
Priester werden künftig dezentral im gesamten Raum der Pfarreien der Zukunft angesiedelt sein. Die konkreten Orte und Aufgabenfelder werden sich, abgesehen von den Priestern, die in Leitungsteams eingesetzt werden, erst nach Gründung der Pfarreien der Zukunft klären. Dies wird abhängig sein von den pastoralen Schwerpunkten und Bedarfen in den neuen pastoralen Räumen. Es irritiert mich allerdings, dass oft nur nach den Priestern gefragt wird. Denn in den Pfarreien der Zukunft werden viele Seelsorgerinnen und Seelsorger präsent sein und arbeiten. Unser Ziel ist es, viele Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für die Gläubigen und freiwillig Engagierten in der Fläche zu haben.
Kann es also sein, dass eine Gemeinde derzeit einen Priester hat und in Zukunft priesterlos dasteht?
Bereits heute ist es doch schon so, dass nicht mehr in jeder der fast 900 Pfarrgemeinden des Bistums ein Priester ist beziehungsweise am Ort wohnt. Wir bemühen uns trotzdem um einen flächendeckenden Einsatz der Priester, sodass für den priesterlichen Dienst vor Ort gesorgt ist. Auch in den Pfarreien der Zukunft wird dies so sein: Zum Leitenden Pfarrer im Leitungsteam kommen weitere Priester und hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie werden in der Fläche der Pfarreien mit unterschiedlichen Aufgaben und Schwerpunkten arbeiten. Es ist aber unbestreitbar, dass wir uns in der Kirche auf eine Situation einstellen müssen, in der es immer wenige Priester gibt und das kirchliche Leben immer mehr davon abhängen wird, was vor Ort von den Gläubigen gestaltet und gelebt wird. Die Einrichtung der Pfarreien der Zukunft soll dazu ja den Raum und die Möglichkeit bieten und so zu einer noch lebendigeren und vielfältigeren Kirche beitragen.

Wird es in Zukunft noch Pfarrgemeinde- und Verwaltungsräte geben, und wo werden sie arbeiten?
Um es klar zu sagen: Der Pfarrort ist nicht als Zentralort zu denken, also als der Ort, an dem sich das gesamte kirchliche Leben abspielt. Ganz im Gegenteil: Wir wollen das kirchliche Leben an vielen Orten stärken. Die Nähe zu den Menschen, örtlich-geografisch, thematisch, und zu ihren Bedürfnissen ist ja ein Hauptanliegen der Bistumssynode. Der Pfarrort wird also nach den bisherigen Überlegungen vor allem der Ort sein, an dem das Leitungsteam sitzt und die Verwaltung. Auch in den Pfarreien der Zukunft wird es Räte oder synodale Gremien geben, die sich aber eben nicht auf den Pfarrort konzentrieren, sondern auf die ganze Pfarrei der Zukunft. An diesen Strukturen arbeitet die Teilprozessgruppe „Synodale Gremien“. Eine gute Gestaltung dieser neuen Strukturen ist sicherlich derzeit eine der herausforderndsten Aufgaben.

Sollte es nur noch am neuen Pfarrort Räte geben: Wie stellen Sie sich die Arbeit konkret vor?
Es ist vollkommen klar, dass die Gremien auf Ebene der neuen Pfarreien anders arbeiten müssen als die bisherigen Räte. Sie werden übergeordnete Verantwortung haben und sich nicht mit einzelnen Vorgängen vor Ort beschäftigen. Ganz wichtig ist uns daher, dass es neben den gewählten Gremien viele weitere Möglichkeiten gibt, durch die lokal und eigenverantwortlich das kirchliche Leben gestaltet werden kann – nicht nur was die Vermögensverwaltung angeht, sondern auch was pastorale, karitative oder kulturelle Themen und Aktivitäten betrifft. Diese Möglichkeit gibt es ja auch heute schon – denken Sie etwa an die sogenannten Gemeindeteams in fusionierten Pfarreien.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Pfarrhäuser/Pfarrheime/Kirchen das Bistum behält?
Zunächst einmal: In der Regel gehören die Immobilien nicht dem Bistum, sondern den Kirchengemeinden und werden somit in die Zuständigkeit der Kirchengemeinden der Zukunft übergehen. Dort wird dann – ausgehend von den Erkenntnissen des aktuellen Immobilienkonzeptes und den Schwerpunktsetzungen in der Pfarrei der Zukunft – gemeinsam beraten und entschieden, welche Kirchen, Pfarrhäuser oder sonstigen kirchlichen Immobilien künftig belebt und bewirtschaftet werden sollen und können. Wir werden als Bistum in dieser Frage beraten und unterstützen und helfen auch gern bei der Erstellung von Kriterien.

Ohne Ehrenamtliche wird nichts mehr laufen: Wo und wie sollen die Ehrenamtlichen geschult werden?
Es stimmt: Das Bistum Trier ist ein engagementstarkes Bistum. Menschen sind in vielen seelsorglichen und karitativen Bereichen aktiv. Ich bin davon überzeugt, dass mit der Neugründung der Pfarreien die Engagierten weiterhin Kranke besuchen, Kinder und Jugendliche begleiten, in den vielfältigen Gottesdiensten mitwirken, Trauernde trösten und so weiter. Die Qualifizierung für die unterschiedlichsten Aktivitäten wird über die Hauptamtlichen in den betreffenden Bereichen und Organisationen gewährleistet. Das wird auch in Zukunft so sein. Darüber hinaus stellt der Arbeitsbereich Ehrenamtsentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat gemeinsam mit vielen Haupt- und Ehrenamtlichen jedes Jahr ein Programm zusammen, das Engagierten die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten zu vertiefen und weiterzuentwickeln. Das Konzept des Bistums beinhaltet Fördermöglichkeiten für Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen. Das werden wir weiter ausbauen.

Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ befürchtet, dass mit dem Wegfall der Gemeinden auch die Ehrenamtlichen wegbleiben werden. Wie sehen Sie das?
In Teilen der jetzigen kirchlichen Räte gibt es zurzeit eine große Verunsicherung, weil die künftigen Formen der Beteiligung und Mitbestimmung noch nicht benannt sind. Darauf beziehen sich die Befürchtungen der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ in erster Linie. Die Mitbestimmungsformen für die neue Pfarreistruktur werden gerade in einer Teilprozessgruppe beraten. Sicher ist, dass es mit der Umsetzung der Synodenbeschlüsse kein Weniger, sondern ein Mehr an Mitbestimmung und Beteiligung auf verschiedenen Ebenen geben wird. Das ist wesentlich für die Zufriedenheit und Motivation im Ehrenamt. Ich bin zuversichtlich, dass diejenigen, die jetzt in einem Gremium mitarbeiten, auch in Zukunft einen Platz für ihr Engagement finden können, wenn auch unter veränderten Bedingungen, aber mit nicht weniger Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten. Was mich ärgert, ist die grundsätzliche Behauptung, dass durch die Pfarreien der Zukunft das ehrenamtliche Engagement wegbrechen würde. In unserem Bistum haben wir rund 80.000 ehrenamtlich tätige Menschen, davon sind circa 85 Prozent nicht in einem Rat, sondern in den vielfältigen seelsorglichen Feldern engagiert. Mir hat noch keiner dieser Freiwilligen, weder aus einem Besuchsdienst, aus der Jugendarbeit oder der Flüchtlingshilfe gesagt, dass er mit der Neugründung der Pfarrei den Dienst aufgibt. Denn für viele ist ihr Dienst neben der territorialen Zugehörigkeit vor allem Ausdruck ihres Christseins. Das Bistum löst keine Gruppen und Gemeinschaften auf – es ändert die Pfarreigrenzen, um eine größere Verlässlichkeit für haupt- und ehrenamtliche Dienste für die Zukunft sicherzustellen.

Wie wollen Sie ein Wegbrechen der Ehrenamtlichen verhindern?
Wie in der gesamten Gesellschaft befindet sich auch das kirchliche ehrenamtliche Engagement in einem Wandel. Die Veränderung der Pfarreistruktur bedeutet für mich auch eine Chance, diesen Wandel zu gestalten. Ehrenamtliches Engagement ist heute eher zeitlich begrenzt, projektbezogen und auf persönliche Weiterentwicklung angelegt. Dazu braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und Unterstützungsstrukturen. Diese werden mit der Umsetzung der Bistumssynode und auch mit Gründung der neuen Pfarreien sichergestellt. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören vielfältige Qualifizierungsangebote und Standards, ebenso auch weiterhin die Unterstützung durch hauptamtliche Ansprechpartner. Und auch künftig werden wir nach Möglichkeit Auslagen erstatten und die notwendige Logistik vorhalten. Und nicht zuletzt muss und wird es gute Formen der Anerkennung und Verabschiedung geben.

Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ fordert eine Struktur ähnlich der Verbandsgemeinden. Wie sehen Sie das?
Das Anliegen der Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“ ist es, Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten vor Ort zu belassen. Das ist ein verständliches Anliegen, das wir bei der Ausgestaltung der Strukturen berücksichtigen. Wir halten aber die derzeitige Kleinteiligkeit nicht für zukunftsfähig. Verwaltung muss verschlankt werden, um wieder mehr Raum und Zeit für die Seelsorge zu haben. Ehrenamtliches Engagement können und wollen wir nicht mit Verwaltungsaufgaben überlasten. Verwaltung und Vermögen stehen im Dienst des gemeindlichen Lebens. Das muss uns wieder deutlicher werden. Abgesehen davon: Nicht erst seit den letzten Wahlen wird es immer schwieriger, Menschen zu finden, die sich in den Räten engagieren wollen – sowohl im Pfarrgemeinde- wie im Verwaltungsrat. Eine detaillierte Erklärung, warum wir für jede Pfarrei der Zukunft auch eine Kirchengemeinde der Zukunft wollen, finden Sie im Internet unter www.bistum-trier.de/heraus- gerufen.

Bislang läuft in den meisten Gemeinden alles sehr pfarrerzentriert ab. Wie wollen Sie die Übergangsphase hin zur eventuell pfarrerlosen Gemeinde gestalten?
Dass in den meisten Gemeinden die Abläufe pfarrerzentriert sind, nehme ich nicht so wahr. Schauen Sie sich doch etwa die Sakramentenkatechese an: In vielen Pfarreiengemeinschaften wird sie von den Gemeindereferentinnen und -referenten verantwortet, die Firmvorbereitung wird oftmals unterstützt von den Pastoralreferentinnen und -referenten. Und ohne die vielen Ehrenamtlichen läuft in diesem Aufgabenfeld gar nichts. Abgesehen davon: Was heißt hier „pfarrerlose Gemeinde“? Ich habe es bereits gesagt: Es wird weiterhin Priester in den Pfarreien geben. Ohne Priester ist katholische Kirche ja gar nicht denkbar. Darüber hinaus gilt es, das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und damit die Verantwortungsübernahme aller Getauften stark zu machen. Eine Zusammenkunft, ein Gebet, eine Veranstaltung sind doch nicht erst dann gut, wenn ein Priester oder eine hauptamtliche Seelsorgerin oder Seelsorger dabei war! Natürlich bleiben Amt und Dienst des Priesters mit seiner besonderen Prägung wichtig und zentral für unsere Pfarreien der Zukunft. Aber wir wollen und können sie nicht priesterzentriert, sondern am Leben der Menschen und charismenorientiert, vernetzt und synodal gestalten.

Die Idee, 35 Großpfarreien zu bilden, hat nach wie vor sehr viele Kritiker: Befürchten Sie ein Auseinanderbrechen des Bistums?
Verunsicherung und Widerstand in dieser Phase der Veränderung sind für mich gut nachvollziehbar. Viele fühlen sich ja in den derzeitigen Strukturen gut aufgehoben. Daher sehen wir diese Opposition als notwendigen und wichtigen Bestandteil des Willensbildungsprozesses. Wir rufen ja immer wieder zur Resonanz auf und wollen möglichst viele einbinden, sodass am Ende ein aus vielen Perspektiven tragbares Ergebnis steht. Aber die Synode hat auch ausdrücklich Wert darauf gelegt, dass die Menschen in den Blick kommen, die sich nicht mehr oder noch nicht von Kirche angesprochen fühlen. Bei allem Verständnis also für das Festhalten an Gewohntem und Liebgewordenem müssen wir uns öffnen für die Menschen, von denen wir uns als Kirche entfernt haben.

Welche Aspekte sind noch verhandelbar?
Unsere Bistumssynode hat inhaltliche Vorgaben gemacht, die in den vergangenen zwei Jahren zu ersten strukturellen Rahmensetzungen geführt haben, siehe: Zuschnitt der Pfarreien der Zukunft und die Leitungsentscheidung zur Zusammenführung der Kirchengemeinden. Bis zur formalen Anhörung in der ersten Jahreshälfte 2019 arbeiten wir weiter daran, dies zu konkretisieren, mit Interessierten zu beraten und in eine Vorlage zu bringen. Diese Vorlage beschreibt dann für jede Pfarrei der Zukunft die vorgesehene Umsetzung. Alle betroffenen, derzeit amtierenden Räte und Amtsträger können dann offiziell dazu gegenüber dem Bischof Stellung nehmen, Mängel aufzeigen, Verbesserungsvorschläge machen. Bis zum Abschluss der formalen Anhörung kann daher zu allen Punkten, die derzeit in den Teilprozessgruppen bedacht und erarbeitet werden, Rückmeldung gegeben werden. Die Resonanzphase zur Raumgliederung hat ja gezeigt, dass wir den synodalen Weg ernst nehmen. Die letztgültige Entscheidung zur Einrichtung der Pfarreien der Zukunft obliegt jedoch dem Bischof.

Welche Aspekte sind nicht mehr verhandelbar?
Alle im Synodendokument festgelegten Aspekte sind nicht verhandelbar. Die Synode und ihre Ergebnisse sind ein kirchenrechtlich verbindliches Instrument, dem sich der Bischof verpflichtet weiß.

Werden Sie die Strukturreform „durchziehen“, oder gibt es noch die Möglichkeit, dass das ganze Projekt komplett gestoppt und in einigen Jahren neu gedacht wird?
Das, was Sie als Strukturreform bezeichnen, hat einen inhaltlichen Vorläufer: das, was die Synode als Perspektivwechsel beschrieben hat. Die Strukturen haben sich dem anzupassen. Es geht also um viel mehr als eine Strukturreform: Wir wollen die Perspektivwechsel in unserem Bistum, im Leben und Handeln der Gläubigen verankern. Wir wollen vor allem in der Seelsorge neue Wege gehen. Wir wollen uns neu konzentrieren darauf, wozu wir Kirche in unserer Zeit sind, wie wir näher bei den Menschen, bei ihren Bedürfnissen und Themen sein können. Unsere Welt und damit unsere Kirche steht doch in einem grundlegenden Veränderungsprozess, den wir sicher nicht stoppen können. Und da ist es doch besser, die Veränderungen aktiv – mit allen Schmerzen, die dazugehören – zu gestalten, anstatt sie über uns ergehen zu lassen.

Glauben Sie, dass Sie den Zeitplan bis zum Jahr 2020 einhalten können?
Wir werden nicht zum 1. Januar 2020 fix und fertige, bis in den letzten Punkt durchgeplante Pfarreien der Zukunft haben – das haben wir auch nie gesagt. Unser Ziel ist es, dann den Rahmen gebaut zu haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir 2020 einen sehr markanten Schritt auf unserem Weg gehen und dass die Pfarreien der Zukunft Gegenwart werden. Das Eigentliche, die Ausgestaltung des kirchlichen Lebens und Handelns, wird sich tatsächlich erst danach entwickeln. Und das wiederum wird ein ständiger Prozess sein – gestaltet und getragen von den Gläubigen und unterstützt von denen, die hauptamtlich im Dienst der Seelsorge und kirchlichen Verwaltung stehen.

Die Fragen stellte Michael Defrancesco


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